Aggressives Verhalten – wenn Angst dahintersteckt

Lange Zeit definierten Psychologen aggressives Verhalten als einen der Urtriebe des Menschen. Heute ist wissenschaftlich bewiesen, dass die Gewaltbereitschaft eines Menschen nicht angeboren ist, sondern durch äußere Einflüsse ausgelöst und gesteuert wird. Vor allem Gefühle der Angst und Bedrohung können in Menschen Aggressionen bedingen, die sich sowohl gegen das eigene Ich als auch gegen Mitmenschen richten können.

Aggression und Angst – Folgen psychischer und körperlicher Schmerzen

Nicht nur Sigmund Freud, sondern auch viele seiner Kollegen sahen in aggressivem Verhalten einen angeborenen und völlig natürlichen Trieb des Menschen, der sein Verhalten und seinen Charakter maßgeblich prägt. Die Forschung hat diese Theorie, die viele Jahrzehnte lang in Psychologenkreisen kaum bestritten wurde, in den letzten Jahren jedoch widerlegt. Untersuchungen ergaben, dass sich Aggression als Resultat äußerer Einflüsse zeigt, die sich durch bestimmte Erfahrungen im Leben ergeben. Im Gehirn sitzt das sogenannte Motivationszentrum, dem früher oft der Terminus „Urtrieb“ zugesprochen wurde. Das Motivationszentrum fungiert jedoch ausschließlich in der Reaktion auf bestimmte Botenstoffe, die in verschiedenen Lebenssituationen ausgeschüttet werden und den Gemütszustand sowie das Verhalten eines Menschen maßgeblich beeinflussen.

Positive Erfahrungen, ob in der Kindheit, im sozialen und familiären Umfeld oder im Berufsleben bedingen bei gesunden Menschen die Ausschüttung von Glückshormonen, die ein friedliches Verhalten fördern. Kommt es zu negativen Erfahrungen, werden im Gehirn keine Glücksbotenstoffe freigesetzt, sondern es kommt zu einer Aktivierung des neuronalen Schmerzsystems. In diesem Zusammenhang setzen Angst und Aggression die gleichen Mechanismen im Gehirn in Gang und sind daher eng miteinander verbunden.

Auslöser für Angst und aggressives Verhalten

Wissenschaftler fanden heraus, dass sowohl Gefühle der Angst als auch der Aggression durch äußere Einflüsse ausgelöst werden müssen und nicht grundlos in einem Menschen entstehen. Grundsätzlich empfinden psychisch gesunde Menschen immer dann Angst, wenn sie von Mitmenschen attackiert werden oder sich in einer Gefahrensituation befinden. Die Aktivität des neuronalen Schmerzsystems, die für Angst und Aggression gleichermaßen verantwortlich ist, wird neuesten Erkenntnissen zufolge jedoch nicht nur durch akute Situationen von Gewalt und Gefahr stimuliert, sondern auch durch soziale Probleme.

Ob Kränkung durch Mitmenschen, Missbrauch, soziale Zurückweisung und Ausgrenzung oder Armut, solche Erfahrungen führen dazu, dass Menschen Schmerz auf psychischer Ebene empfinden, der sich in Angst und Aggression äußern kann. Dies erklärt, warum viele Menschen, die eine problematische Kindheit erlebten, als Erwachsene oft ein ausgeprägtes aggressives Verhalten an den Tag legen, das latent vorhanden ist. Jedes Kind, das in einem gestörten Familienverband aufwächst oder in der Schule mit Anfeindungen zu kämpfen hat, erlebt eine permanente Ausgrenzung, die im neuronalen Schmerzsystem Angstgefühle bedingen und in weiterer Folge aggressives Verhalten auslösen kann.

Angstbedingte Aggression

Angstgefühle, die durch eine akute Situation entstehen, können sich in vielfältigen Verhaltensmustern äußern, die je nach Ursache, Grad und Ausprägung von körperlichen Reaktionen, sozialem Rückzug, Handlungsunfähigkeit bis hin zu psychischen Störungen reichen. Ängste können manchmal auch so stark und überwältigend sein, dass der Betroffene sich nicht anders zu helfen weiß, als sich gegen Menschen zu richten, die gerade und zufällig anwesend sind.

Durch das als Schmerz wahrgenommene oder lähmende Gefühl der Angst wird der Betroffene seiner normalen sozialen Fähigkeiten vorübergehend beraubt und reagiert mit verbalen Anfeindungen, Beleidigungen, Schlägen, Tritten oder anderen unberechenbaren Handlungen, die er in anderen Situationen so nie zeigen würde. Mit diesem Problem sind beispielsweise Ärzte oder Pfleger oft konfrontiert, wenn sie Patienten in akuten Angstsituationen wie etwa vor einer Operation behandeln müssen. In solchen Fällen ist das aggressive Verhalten, das durch die Angst ausgelöst wird, nichts anderes als ein Ausdruck von Hilflosigkeit. In jedem Fall ist aggressives Verhalten jedoch stets als Folge äußerer Einflüsse in Form von negativen Erfahrungen zu werten, die einen Menschen entweder lange Zeit über belasten oder sich in akuten Situationen manifestieren.

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