Vom Streben nach Glück und Lebensfreude – der Hedonismus als philosophisches Konzept

In der heutigen Zeit ist der Begriff Hedonismus für viele Menschen negativ konnotiert. Hedonisten werden im Allgemeinen als vergnügungssüchtig und in ihrem Bestreben nach Befriedigung ihrer Bedürfnisse rücksichtslos beschrieben. Wer hedonistisch lebt, soll zudem arbeitsscheu, gemütlich und gleichzeitig verschwenderisch sein. Hedonismus bezeichnet jedoch eine philosophische Strömung, deren Ursprünge bis in die Antike zurückreichen.

Im Mittelpunkt eines hedonistischen Lebens im ursprünglichen Sinne steht keineswegs das ständige und unreflektierte Bedürfnis nach körperlichen Genüssen, sondern schlicht und ergreifend das Glück. Im Laufe der Geschichte stand der Begriff Hedonismus stets für ein erfülltes Leben im Diesseits. In diesem Kontext ist die Rolle dieses jahrtausendealten philosophischen Verständnisses jene eines praktisch umsetzbaren Gegenentwurfs zu theologischen Auffassungen, die die unsterbliche Existenz im Jenseits ins Zentrum des menschlichen Daseins rücken.

Was ist Hedonismus?

In der modernen Welt, in der die Werte der Aufklärung und Rationalität eine zentrale Rolle spielen, ist die Endlichkeit des irdischen Lebens vielen Menschen bewusst. Dementsprechend versuchen wir, die begrenzte Zeit optimal zu nutzen. In diesem Zusammenhang sind die Ansprüche des Einzelnen jedoch sehr verschieden und von individuellen Lebensauffassungen geprägt.

Während manche Menschen in erster Linie nach materiellem Wohlstand streben, finden andere ihre Erfüllung in Bildung oder einer spirituellen Orientierung. Für manche Menschen sind kulinarische, körperliche oder intellektuelle Genüsse bedeutsam, andere versuchen, ihre Talente gezielt zu nutzen oder durch sinnvolle Taten, Erfindungen oder kreative Arbeiten quasi Unsterblichkeit zu erlangen.

Was all diesen Menschen, die bewusst ein erfülltes Leben führen möchten, gemeinsam ist, kann im positiven Sinne als Umsetzung von hedonistischem Gedankengut bezeichnet werden. Hedonismus bedeutet weder Faulheit und Gier noch die unreflektierte Sucht nach ständigem Genuss, sondern das Wissen um die Endlichkeit des Lebens. Damit geht das Bestreben einher, alle Möglichkeiten, die das Leben bietet, anzunehmen und im Alltagsleben umzusetzen.

Die Essenz von Hedonismus ist somit das Ziel, im Alter auf ein erfülltes Leben zurückblicken zu können. Ein Hedonist ist ein Mensch, der sein Leben irgendwann Revue passieren lässt und getrost sagen kann, dass er die begrenzte Zeit seines irdischen Daseins nicht verschwendet hat. Er ist sich bewusst, dass die menschliche Bestimmung dadurch definiert ist, das einzige Leben nach individuellen Maßstäben und Bedürfnissen zu gestalten – mit allem, was es bietet und offenbart.

Geschichte eines philosophischen Entwurfs

Bereits im vierten Jahrhundert vor Christus formulierten Gelehrte im antiken Griechenland die Idee, dass das Lebensintervall auf Erden begrenzt ist und keine Beweise für die Unsterblichkeit und das Weiterleben nach dem Tod existieren. Der erste Philosoph, der diese Auffassung vertrat, war Aristippos von Kyrene, der sich in intensivem Gedankenaustausch mit seinem Zeitgenossen Sokrates befand. Er ist als Begründer des philosophischen Hedonismus in die Geschichte eingegangen und war der erste Gelehrte, der die Bedeutung sinnlicher Genüsse und körperlichen Lustempfindens jeder Art als natürliche Zustände des Menschen definierte. In Zusammenhang mit dieser Strömung innerhalb der Philosophie wurde allerdings der rund ein Jahrhundert später aktive Epikur von Athen mit seinem Begriff der Ataraxie oder Seelenruhe deutlich bekannter.

Die Ideen, die die Hedonisten des alten Griechenlands entwickelten, stehen den Lehren des Platon gegenüber. Nach dessen Auffassung taucht die Seele des Menschen nach dem Tod in das Schattenreich ein und erhält nach der Läuterung Zugang zu einer höheren Existenz im Jenseits. Die Hedonisten hingegen betonten die Bedeutung des Diesseits und sahen den Mensch als Teil des Naturkreislaufs – mit einem begrenzten Dasein, das dazu inspirieren sollte, es mit wertvollen Erfahrungen zu füllen.

Auch im alten Rom wurden die Ideen der Hedonisten diskutiert und weiterentwickelt. Der römische Denker Lukrez setzte sich, angeleitet von griechischen Gelehrten, intensiv mit der Endlichkeit und damit einhergehend mit der Realität der Natur in Bezug auf das menschliche Leben auseinander. Damit schuf Lukrez einen philosophischen Entwurf, der unweigerlich die Existenz und das Universum der Götter infrage stellte. In diesem Zusammenhang ist es kein Wunder, dass das Christentum die Strömung des Hedonismus als Gefahr betrachtete und in weiterer Folge in Verruf brachte. Liegen dem Christentum doch die Idee von einem Leben voller Entbehrungen und die Orientierung der Seele am Jenseits zugrunde.

Hedonismus als Gegenentwurf zur unsterblichen Seele

Den Hedonisten des antiken Griechenlands und Roms ging es darum, ihren Zeitgenossen aufzuzeigen, welche Rolle in der menschlichen Existenz ein glückliches und erfülltes Leben einnimmt. Zentrale Motive ihrer Lehren waren vernünftige, also in jedem Zusammenhang natürliche und leicht zu erreichende Begierden, die Bedeutung bewusst wahrgenommener Augenblicke sowie rationale Bedürfnisse und ein von Ausgeglichenheit und Vernunft geprägtes dauerhaftes Lustempfinden in jedem Lebensbereich.

Durch die strikte Ablehnung der Christen, die das gesamte hedonistische Denken der Antike verurteilten, verlor diese philosophische Strömung im Laufe der Jahrhunderte allmählich an Bedeutung. Durch die Formulierung von verschiedenen Moralkonzepten wurde der Hedonismus immer mehr zu einer Theorie innerhalb einer Diskussion, die sich mit dem guten Leben im Allgemeinen auseinandersetzte.

Gegenstand des intellektuellen Diskurses wurde der Hedonismus erst wieder während der französischen Aufklärung, als der Philosoph und Mediziner Julien Offray de La Mettrie die Unsterblichkeit der Seele durch seine Auffassung des materialistischen Menschen erneut in Frage stellte. Sein Menschenbild wurde im 20. Jahrhundert auch von dem britischen Logiker Bertrand Russell übernommen. Beide Philosophen betrachteten die Trennung der Seele vom Körper des Menschen, und dadurch auch deren Unsterblichkeit, als unglaubwürdig. Mit den wissenschaftlichen Errungenschaften innerhalb der Neurobiologie wurden die philosophischen Ansätze schließlich bestätigt – mit direkten Auswirkungen auf das Verhalten des Menschen, der danach strebt, mit der einen sterblichen Seele ganz gezielt ein wertvolles Leben zu führen. Damit sind Diskussionen über moralische und ethische Grundsätze im Zusammenhang mit einem genussvollen Leben unvermeidbar. Dies ist der Grund, warum Hedonisten bis heute im moralischen Kontext bewertet, verurteilt und mit negativen Eigenschaften in Zusammenhang gebracht werden.

Der Hedonist als moralischer Mensch

In einem Zeitalter, in dem Sparsamkeit in Bezug auf natürliche Ressourcen und finanzielle Mittel auf der einen Seite einer unbändigen Verschwendungssucht und Rücksichtslosigkeit auf der anderen Seite gegenüberstehen, ist der Hedonismus als philosophisches Lebenskonzept einem oberflächlichen, unreflektierten Verständnis von Moral zum Opfer gefallen. Einen ebenso starken Einfluss auf die Bewertung hedonistischer Lebensweisen übt der starke Gegensatz zwischen der antiken philosophischen Strömung und der religiös definierten Ethik aus. Daher ist die Grundauffassung, dass sich ein Hedonist gültigen Geboten und moralischen Strukturen widersetzt, bis heute allgegenwärtig.

Der Hedonist im eigentlichen Sinne ist nicht darauf aus, sich gegen gesellschaftliche Grundsätze zu stellen oder gar bewusst unmoralische Handlungen zu begehen. Ganz im Gegenteil, Menschen mit reflektiertem hedonistischem Gedankengut definieren das Lebensglück als Grundsatz, als Ausgangspunkt des Daseins – nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere. Bei ihrer Lebensgestaltung ist nicht nur das vernünftige Streben nach Glück, Genuss und Sinnlichkeit von Bedeutung, sondern auch der Anspruch, die Folgen aller Handlungen bewerten und überblicken zu können.

Moralische und individuelle Bewertung von Hedonismus

In der heutigen Gesellschaft werden geistige beziehungsweise intellektuelle Werte stets über körperliche und sinnliche gestellt. Der Genuss eines intelligenten Buches oder eines klassischen Theaterstücks wird dadurch automatisch besser bewertet als jener eines sexuellen Aktes oder einer Flasche Wein. Dementsprechend werden Hedonisten, die sinnliche Begierden jeder Art bewusst und konsequent befriedigen, von vielen Menschen als unmoralisch bezeichnet. Hier lohnt sich jedoch der Blick auf die philosophischen Ursprünge, denn das Streben nach Lust und Freude ist im Gedankengut der antiken Hedonisten auf ein gemäßigtes Verlangen zurückzuführen. Die Denker dieser Strömung formulierten zudem explizit den Anspruch, dass jede Handlung der Natur entsprechen muss.

Durch die individuelle Beurteilung der Bedeutung von sinnlichen und intellektuellen Werten kann ein hedonistisches Leben von jedem Einzelnen anders interpretiert werden. Ein Hedonist kann ein Mensch mit einer Leidenschaft für teure Uhren ebenso sein wie jemand, der in jeder freien Minute durch unberührte Waldlandschaften wandert. Jede Lust, jede Sinnlichkeit und jedes Bedürfnis gilt im hedonistischen Gedankengut als erstrebenswert – vorausgesetzt, bei der Erfüllung der Begierden kommt niemand zu Schaden. Ob materielle Interessen oder geistige Ansprüche, die zentrale Frage ist immer, wie weit der Hedonist bei der Umsetzung seiner Lustbegierden auch zum Egoisten wird. Daher spielen individuelle Moralvorstellungen im Hedonismus immer eine wichtige Rolle.

Im Verständnis, dass das Dasein zeitlich begrenzt beziehungsweise die Seele keineswegs unsterblich ist, bedeutet Hedonismus vor allem eine glückliche Lebensführung. Hedonisten suchen Erfüllung in beruflichen Tätigkeiten, in zwischenmenschlichen und sexuellen Beziehungen, in alltäglichen Tätigkeiten und in geistigen und sinnlichen Genüssen in der Freizeit. Für persönliches Glück durch einen hedonistischen Lebensstil gibt es kein Patentrezept.

Allen Hedonisten gemeinsam ist ein konsequentes und durchdachtes Handeln, um negative Gefühle und Erlebnisse so gut es geht zu vermeiden, und Freude an der Existenz zu empfinden. Wer das philosophische Konzept vom Ausschöpfen aller Möglichkeiten umsetzt, bleibt sich in allen Lebenssituationen selbst treu. Beste Voraussetzungen für Charakterstärke, seelische Ausgeglichenheit und eine positive Ausstrahlung. Die Suche nach dem Glück im Leben ist eine lebendige und sich stets wandelnde Auseinandersetzung mit den eigenen Werten und Vorstellungen. Und eine, die in den meisten Fällen in Erkenntnis, nicht in Faulheit, Eigennutz oder Rücksichtslosigkeit resultiert.

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