Menschliches Verhalten: Die Psychologie der Abwehrmechanismen

Menschliches Verhalten ist so vielfältig wie komplex. Der Alltag ist gefüllt mit Reizen, deren Wahrnehmungen den Menschen zu bewussten oder unbewussten Reaktionen verleiten. Oftmals spiegeln positive Reize sich in ebenso positiven Handlungen wieder, die das Lebensgefühl erheblich verbessern. Doch auch Konflikte gehören zum menschlichen Alltag, deren Verarbeitung einer funktionierenden psychischen Verfassung alles abverlangt.

Unterstützend wirken sogenannte Abwehrmechanismen, die immer dann als Stabilisator wirken, wenn der Mensch mit der als negativ empfundenen Wirklichkeit konfrontiert wird. Der nachfolgende Beitrag erläutert den Begriff des Abwehrmechanismus und nennt anschauliche Beispiele des alltäglichen Lebens.

Der Begriff des Abwehrmechanismus

Ursprünglich stammt der Begriff des Abwehrmechanismus aus der Freud’schen Lehre der Psychoanalyse. Ein Abwehrmechanismus ist danach jeder psychische Vorgang, der konfliktbeladene psychische Tendenzen mental zu bewältigen oder kompensieren versucht, um eine anschließende konfliktfreiere seelische Verfassung zu erreichen. Vielfach, jedoch nicht ausschließlich, laufen Abwehrmechanismen unterbewusst ab.

Abwehrmechanismen zur Gefahrvermeidung

Die menschliche Psyche greift auf eine Vielzahl unterschiedlicher Abwehrmechanismen zurück, die sich nicht nur begrifflich unterscheiden, sondern erkennbar unterschiedliches menschliches Verhalten bedingen. Die Hauptaufgabe von Abwehrmechanismen ist die Gesunderhaltung der psychischen Verfassung. Durch einen stetig fortlaufenden Lernprozess ist der Mensch in der Lage Gefahren zu erkennen und zu vermeiden. Nur so kann eine Anpassung an die Wirklichkeit gelingen, um die Aufgaben des Alltags erfolgreich zu meistern.

Die Funktionsweise von Abwehrmechanismen

Einige der wichtigsten Abwehrmechanismen des menschlichen Verhaltens tauchen in vielen alltäglichen Situationen auf, werden aber durch den unbewussten Ablauf nicht als abwehrendes Verhalten wahrgenommen:

Verdrängung

Die Verdrängung zählt zu den wesentlichen Abwehrmechanismen. Als unerwünscht empfundene Inhalte verdrängt der Mensch dabei aus seinem Bewusstsein. Dieser Vorgang kostet sogenannte Verdrängungsenergie. Je größer der Widerstand gegen die Verdrängung desto höher ist auch der Verbrauch der Verdrängungsenergie. Die Abwehr ist dann erfolgreich, wenn zwischen Energieaufwendung und Verdrängung eine verhältnismäßige Bilanz besteht. Auf der anderen Seite gilt eine Abwehr dann als misslungen, wenn Wünsche ohne einen echten Verzicht verdrängt werden.

Hinter alltäglichen Aussagen wie „Das habe ich völlig verdrängt“ kann dieser bewusste oder unbewusste Abwehrmechanismus stecken. Dabei werden sämtliche Inhalte, die nicht in die Wirklichkeit einer Person passen kurzerhand verdrängt, sodass eben diese Inhalte kaum mehr bewusst wahrgenommen werden. Noch gründlicher sind vollständige Verleugnungen, bei denen alle Inhalte ignoriert werden, die nicht in das Weltbild eines Menschen passen. Verdrängungen werden zum Beispiel regelmäßig bei Depressionen erkennbar.

Rechtfertigung

Ein für den Menschen vergleichsweise aufwendiger Abwehrmechanismus ist die Rechtfertigung. Rechtfertigende Verhaltensweisen treten auf, nachdem eine Entscheidung unwiederbringlich getroffen wurde. Zentrales Element der Rechtfertigung ist dabei, die Verantwortung für eine getroffene Entscheidung von sich zu schieben. Die betrifft im Alltag beispielsweise das grundlose Absagen eines wichtigen Termins und den anschließenden inneren Konflikt, die Absage durch eine Argumentation zu rechtfertigen.

Abwertung

Ein weiterer gebräuchlicher Abwehrmechanismus ist die Abwertung. Ziel ist, einen ursprünglich wünschenswerten Inhalt in einen als unwert oder bedeutungslos empfundenen Inhalt umzudeuten. Die Absage einer geplanten Urlaubsreise kann beispielsweise dadurch abgewertet werden, dass dem Reiseziel zu heiße Temperaturen zugesprochen werden und die Absage somit nicht mehr als schlimm empfunden wird. Abwertungen von Bezugspersonen können zudem auch als stille Abwehrmaßnahmen durchgeführt werden, um eine Stärkung des Selbstwertgefühls zu erzielen. Werden Abwertungen deutlich geäußert, so wird die Grenze zum sogenannten Mobbing erreicht.

Affektisolierung

Die Affektisolierung beschreibt ein Ausblenden von emotionalen Reaktionen. Zugleich werden die Gründe für ein bestimmtes menschliches Verhalten rationalisiert und auf die Notwendigkeit reduziert. Schlagen Eltern beispielsweise ihr Kind, blenden sie möglicherweise Wut oder Reue aus und rationalisieren das Handeln durch die Aussage, dass eine Ohrfeige noch keinem Kind geschadet habe.

Dramatisierung

Einen Kontrast zur oben genannten Affektisolierung stellt die Dramatisierung dar. Eigene Taten oder das Handeln oder Empfinden anderer Personen werden übermäßig emotional umschrieben. Erkennbar wird eine Dramatisierung häufig durch die Verwendung von Superlativen und Wiederholungen, um der emotionalen Übermäßigkeit noch mehr Bedeutung zu verleihen.

Alltägliche Beispiele für den Abwehrmechanismus der Dramatisierung sind Situationen, in denen übertriebene Handlungs- oder Zustandsbeschreibungen deutlich werden. Dies können einfache Aussagen, wie beispielsweise: „Das Wetter ist heute katastrophal. Absolut katastrophal!“ sein, aber auch überzogene Reaktionen auf die Handlungen anderer wie etwa: „Dass Herr Mustermann noch ein zweites Glas Bier bestellt entsetzt mich.“ Als Motivation steht hinter Dramatisierungen meist die Furcht, gar nicht oder nicht genügend beachtet zu werden.

Einseitige Abwehrmechanismen können krank machen

Neben den oben genannten Abwehrmechanismen existiert noch eine Vielzahl weiterer menschlicher Verhaltensweisen, die dem Schutz der psychischen Unversehrtheit dienlich sind. Einige rufen ein bestimmtes Verhalten hervor, andere schlagen sich gar in körperlich oder psychisch spürbaren Beeinträchtigungen nieder (z.B. die Somatisierung). Grundsätzlich nutzt jeder Mensch die psychischen Manöver der Abwehr, um sein Weltbild und nicht zuletzt seinen seelischen und mentalen Zustand aufrechtzuerhalten. Abwehrmechanismen sind also keine verachtenswerten bewussten oder unbewussten Handlungen, sondern wichtige Teile des menschlichen Daseins.

Nehmen Abwehrmechanismen jedoch einen zu großen Teil im Leben ein oder beschränkt sich das Repertoire auf einige wenige, stereotyp verwendete Abwehrmechanismen, können daraus psychische oder körperliche Belastungen entstehen. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn Abwehrmechanismen einseitig und in hoher Frequenz, bewusst oder unbewusst, eingesetzt werden und von einer Schutzmaßnahme in einen Belastungszustand umschlagen.

Die Folgen sind unterschiedlich und richten sich nach der grundlegenden psychischen Stabilität des Einzelnen. Der Abwehrmechanismus der Verschiebung, also dem Verschieben von Gefühlen und Impulsen von gefährlichen in ungefährliche Bereiche, kann die Entstehung von Ängsten (Phobien) begünstigen. Zudem sind Depressionen, Wahnzustände und Zwänge erkennbare Symptome für misslungenes Abwehrverhalten.

Abwehrmechanismen helfen, Ängste zu erkennen

Wer sich der Existenz von Abwehrmechanismen bewusst ist, der kann aus diesem Wissen einen Nutzen ziehen. Da Abwehrmechanismen meist in direktem Zusammenhang mit Furcht oder Angst stehen, kann ein seelisch stabiler Mensch diese Umstände konstruktiv nutzen, wenn er Ängste in Kauf nimmt, die Fähigkeit ausbildet sein Fluchtverhalten zu kontrollieren und daraus die Entwicklung der Persönlichkeit vorantreibt. Vorausschauendes Handeln oder die Kontrolle von alltäglichen Situationen werden dann zu Werkzeugen, die für die Weiterentwicklung wesentlich sind.

Um Abwehrmechanismen in positives menschliches Verhalten umwandeln zu können, muss der Mensch die Angst vor der Angst überwinden und Furcht einflößenden Situationen entgegentreten und meistern, soweit dies im Rahmen der Verantwortung für die Unversehrtheit von Körper und Geist möglich ist.

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