Über das Alleinsein als Quelle der Kraft und Inspiration

In der heutigen Gesellschaft, in der die Privatsphäre angesichts der digitalen Vernetzung und der damit einhergehenden Grenzenlosigkeit im Inszenieren des eigenen Lebens kaum noch von Bedeutung ist, assoziieren viele Menschen das Alleinsein mit Einsamkeit, einem unsozialen Charakter, der Existenz von Außenseitern. Menschen, die sich zu einem ganz bewussten Alleinsein bekennen, polarisieren und werden oft missverstanden.

Wie die Erfahrungen vieler großer Denker, Künstler und visionärer Persönlichkeiten zeigen, ist das Alleinsein jedoch keineswegs mit Einsamkeit gleichzusetzen, sondern eine effektive Maßnahme, um die eigenen Potenziale auszuschöpfen. Der gelegentliche freiwillige Rückzug aus dem Sozialleben ist eine bedeutende Quelle der Kraft, der Reflexion und der Kreativität. Gelegentliches Alleinsein ist Rückbesinnung auf sich selbst, um den Mitmenschen und all den Aufgaben des Lebensalltags wieder gelassen, selbstbewusst und mit neuen Ideen begegnen zu können.

Alleine oder einsam?

Die meisten Menschen setzen den Begriff Alleinsein fälschlicherweise mit jenem der Einsamkeit gleich. Grundsätzlich bezeichnen beide Wörter eine Gemütslage oder eine Situation, die durch eine Trennung von den Mitmenschen gekennzeichnet ist. Dennoch besteht zwischen diesen beiden Zuständen ein großer Unterschied. Menschen, die einsam sind, leiden. Sie sehnen sich nach der Gesellschaft anderer, die ihnen aus verschiedenen Gründen verwehrt bleibt. Sie müssen alleine sein, und genau diese Tatsache ist die Ursache ihres Leidens. Da ihnen die Gegenwart ihrer Mitmenschen – ob tatsächlich oder empfunden – abgeht, fühlen sie sich verloren, traurig, abgeschnitten von der Welt – schlichtweg, sie empfinden seelische Schmerzen, die sich in unterschiedlichen Ausprägungen bemerkbar machen können.

Von solchen negativen Gefühlen hingegen sind Menschen, die bewusst alleine sein möchten, weit entfernt. Sie müssen nicht, sie möchten alleine sein. Sie sehen im Alleinsein eine wertvolle Chance zur Selbstfindung sowie die Möglichkeit, sich vor unangenehmen oder überfordernden Reizen jeder Art zu schützen, zur Ruhe zu kommen und neue Kräfte für die Aufgaben des Lebens zu sammeln. Die Unterschiede zwischen Einsamkeit und Alleinsein sind auf vielen Ebenen zu finden. Neben den mit ihnen verbundenen emotionalen Effekten finden sich im Vergleich zwischen diesen beiden Begriffen auch philosophische Reflexionen, die auf zwei grundverschiedene Geisteszustände zurückzuführen sind. In diesem Zusammenhang sind es vor allem die beiden Aspekte Abhängigkeit und Selbstständigkeit, die sich hier gegenüberstehen.

Wer sich einsam fühlt, macht sein Glück und seine psychische und körperliche Gesundheit in jeder Lebenssituation grundsätzlich von anderen abhängig. Emotionen, Selbstwertgefühl, die eigene Identität werden immer davon bestimmt, ob, in welcher Form und wie lange Mitmenschen gegenwärtig sind oder nicht. Wer hingegen in verschiedenen Lebensphasen freiwillig und aus voller Überzeugung das Alleinsein wählt, zieht sich bewusst in einen Zustand der größtmöglichen emotionalen und sozialen Unabhängigkeit und Selbstständigkeit zurück. Solche Menschen haben erkannt, dass Einsamkeit in konstruktiver Weise gezielt dazu genutzt werden kann, um sich dem eigenen Ich zuzuwenden und einen inneren Monolog zu führen. Die damit verbundene Begegnung mit der inneren Stimme kann in unterschiedlichen Formen ihren Ausdruck finden. Alleinsein ebnet den Weg dazu, auf individuelle und gänzlich unverfälschte Weise den Herausforderungen des Lebens zu begegnen.

Durch diese Aspekte lässt sich der Einfluss beider Zustände auf das menschliche Dasein auf einfache Weise definieren: Einsamkeit besitzt durch die ständige Orientierung an den anderen keinerlei schöpferisches Potenzial. Alleinsein hingegen ist die Urquelle aller Reflexionen und Ideen, die einen Menschen, seine Aura und seine Identität unverwechselbar machen.

Ruhe von der Welt spüren, um die Welt zu lieben

Schon in der Antike wurde das Alleinsein als Sehnsuchtsort angesehen und war vielen Philosophen und Gelehrten wichtigste Quelle ihrer Intellektualität. Auch in der heutigen, von Hektik und oberflächlichen Begegnungen geprägten Zeit bringen Menschen, die das Alleinsein bewusst pflegen, diesen gewählten Zustand von Einsamkeit mit einem idealisierten, beinahe luxuriösen Lebensgefühl in Zusammenhang. Im Berufs- und Familienalltag sind Momente der Ruhe und des Rückzugs in der Regel rar. Wer sich gelegentlich von seinem Mitmenschen entfernt, um nur mit sich zu sein, erlebt eine umfassende Regeneration auf intellektueller und emotionaler Ebene. Alleinsein ist ein Zustand, der es erlaubt, alle Reize, die täglich auf den Geist einwirken und ihn überfordern, für eine gewisse Zeit abzuschirmen.

Ein Mensch kann diesen Zustand nicht erreichen, indem er sich zu Hause in einen Raum zurückzieht und die Türe schließt. Das Alleinsein hat erst dann eine schöpferische Qualität, wenn sich keine Partner, Familienmitglieder, Freunde oder Kollegen im Nebenraum oder in der Nähe aufhalten. Es soll um ein Alleinsein in Form einer zeitlich begrenzten räumlichen Trennung gehen. Dieser Zustand ist mit der Möglichkeit verbunden, sich nur mit sich selbst beschäftigen zu können, für niemanden verantwortlich und ansprechbar zu sein, zu tun, wonach einem gerade der Sinn steht. In solchen Momenten kann ein Mensch allmählich erlernen, das Glück von sich selbst aus zu definieren, statt es auf die anderen zu übertragen.

Der Schritt dazu, Raum für sich ganz alleine zu beanspruchen, kann in Zeiten großer Veränderungen, in Lebenskrisen oder in Krankheitsphasen eine wichtige Maßnahme sein, um neue Gedanken und Sichtweisen zu definieren. Gleichzeitig können festgefahrene problematische Gedankenmuster, die an der Entstehung der Probleme ursächlich beteiligt sind, aufgelöst werden. Dies erklärt, warum Menschen, die sich in regelmäßigen Abständen zurückziehen, deutlich seltener an körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen leiden als solche, die sich unentwegt im Beisein anderer befinden.

Kreativität durch das Alleinsein

Unzählige große Künstler, Philosophen und Wissenschaftler haben darüber geschrieben und gesprochen, in welchem Ausmaß ein bewusst herbeigeführtes Alleinsein ihre Imagination gefördert hat. Nicht nur Pablo Picasso, Karl Lagerfeld oder Franz Kafka haben ihr außergewöhnliches Schaffen vor allem als Erfolg ihres Alleinseins gewertet. Ein Großteil der Inspiration von Künstlern ist auf den Umgang mit Mitmenschen und die aufmerksame Beobachtung ihrer sozialen Umgebung zurückzuführen. Durch den Rückzug in einen leeren Raum, in die Stille, können alle diese Eindrücke in Ruhe überarbeitet und individuell interpretiert werden. Das Potenzial des Rückzugs besteht in diesem Zusammenhang darin, dass der Künstler ohne den Einfluss anderer seine authentischen, unabhängigen und selbstständigen Gedanken zu einem Thema oder einem Bild seiner Erinnerung formulieren kann.

Das Alleinsein ist für viele Künstler eines der Geheimnisse ihrer Kreativität. Rückzug erlaubt Tagträumerei, ohne dafür belächelt oder gar beurteilt zu werden, und Künstler müssen Tagträumer sein dürfen, um ihre Ideen zu entwickeln. Das Durchwandern von Gedanken in einer geschützten und abgeschotteten Umgebung ist „kreative Inkubation“, wie es die Psychologin Rebecca Mcmillan in ihrer Arbeit „Ode to Positive Constructive Daydreaming“ formuliert. Eine räumliche Trennung von den Mitmenschen übt auch einen positiven Einfluss auf einen selbstbestimmten Lebensrhythmus aus, der eine wichtige Grundvoraussetzung für künstlerisches Schaffen darstellt. Im Alleinsein ist es kreativen Menschen möglich, die Zeit zu vergessen und einen Gedanken zu Ende zu formulieren. Sie können genau die Tageszeit ausnutzen, in der sie effektiv arbeiten – ohne dabei ihre Mitmenschen zu stören und dadurch ihr Familienleben zu beeinträchtigen.

Die innere Balance aus Sozialleben und Selbstzeit

Ganz gleich, ob großer Künstler oder Mensch auf der Suche nach einer intakten Ich-Beziehung – zu viel Zeit mit sich alleine kann die seelische und körperliche Gesundheit ebenso beeinträchtigen wie ein Leben, in dem keine Minute für ruhige Momente mit dem eigenen Ich bleibt. Wie bei allem gilt auch für die bewusst gewählte Einsamkeit: es kommt auf die richtige Dosis an. Menschen, die eine ausgeglichene Balance zwischen Privatleben, Beruf und Phasen des Alleinseins leben, begegnen jeder Herausforderung mit Selbstbewusstsein, innovativen Ideen und einem ausgeprägten Verständnis für die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen. Sie sind in der Lage, in ruhigen Momenten ihre Energiespeicher wieder aufzuladen und den Alltag hinter sich zu lassen – um diesen anschließend in all seinen Facetten wieder anzunehmen und aufrichtig schätzen zu können.

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