Bewusste Leere für ein erfülltes Leben: der Minimalismus als Weg zu mehr Ausgeglichenheit und freiem Denken

In der heutigen Zeit, in der übertriebenes Konsumverhalten und materielle Statussymbole in den westlichen Industrienationen zentrale Bedeutung erlangt haben, entscheiden sich immer mehr Menschen dafür, ein minimalistisches Leben zu führen. Diese philosophische Einstellung geht auf den griechischen Gelehrten Plato zurück, findet jedoch auch in asketischen Lebensformen und vielen Religionen schon seit mehreren Jahrtausenden ihre Entsprechung.

Der Minimalismus kann angesichts der heutigen schnelllebigen und in vielen Aspekten von einer sinnentleerten Lebensweise geprägten Gesellschaft als Möglichkeit genutzt werden, um wahres Glück zu finden. Minimalistisch zu leben, bedeutet, sich bewusst auf die Suche nach Mehrwert zu begeben – in allen Aspekten der menschlichen Existenz.

Was bedeutet Minimalismus?

Der Begriff „Minimalismus“ findet in unterschiedlichen Bereichen Anwendung und bezeichnet Stilelemente innerhalb der Kunst und Architektur ebenso wie eine Lebenseinstellung. Als solche kann er sich auf das Alltagsleben und das private Umfeld ebenso beziehen wie auf zwischenmenschliche Aspekte oder verschiedene Verhaltensweisen. Ob in der Kunst oder im alltäglichen Leben – dem Minimalismus liegt der Gedanke eines „weniger ist mehr“ zugrunde.

So geht es in der Kunst beispielsweise um eine Darstellung des Wesentlichen, um eine Botschaft auf einprägsam bildhafte und oft einfacher verständlichen Weise zu transportieren. Durch das Fehlen detaillierter und mit persönlichen Sichtweisen verknüpfter Motive tritt in minimalistischen Kunstströmungen eine logische, dabei eindeutige, oft auch nüchtern reduzierte Bildsprache in den Vordergrund. Dies ist in minimalistischer Architektur ebenso erkennbar. Sie bringt Gebäude hervor, die keinerlei verschnörkelte Zierelemente zeigen, sondern einen rein funktionalen Nutzen ermöglichen sollen. Auch in Bezug auf eine minimalistische Lebensweise treten Nutzen und Funktion in den Vordergrund. Dabei geht es darum, ein „einfaches“ und von vielen Aspekten „befreites“ und gerade dadurch qualitativ besonders hochwertiges Leben zu führen.

In manchen Kulturen und Gesellschaften geht der künstlerische oder architektonische Minimalismus mit dem „einfachen“ Leben Hand in Hand. Man denke beispielsweise an die Lebenseinstellungen und Stilelemente, die sich im japanischen Alltagsleben durch den Einfluss des Zen-Buddhismus verbreiteten.

Im Zen-Buddhismus gilt es als erstrebenswert und als einzig zielführender Weg zu einem glücklicheren Leben, so wenig Besitz wie möglich anzuhäufen. Ein Alltagsleben, das mit wenigen, ausgesuchten Dingen und Aspekten gefüllt wird, steigert die Wertschätzung, die ein Mensch empfinden kann – für die Besitztümer ebenso wie für Mitmenschen, die eigenen Fähigkeiten und die Welt, die das Leben tagtäglich umgibt. Minimalistisch gestaltete japanische Häuser zeichnen ein auf den ersten Blick karges Bild. Bei näherem Hinschauen entpuppen sich die wenigen vorhandenen Einrichtungsgegenstände und Dekorationen jedoch als äußerst hochwertig, multifunktional und von außergewöhnlich raffinierter Ästhetik.

Die optische Leere in der Wohnumgebung, die das Fehlen von zufälligen Dekorationen und Massen an Besitztümern prägt, hat in der japanischen Kultur seit Jahrhunderten einen wichtigen Stellenwert und wird als durchwegs positiv empfunden. In westlichen Industrienationen, deren Gesellschaft von ständigem Konsum und dem oft wahllosen Zusammentragen von materiellem Besitz beeinflusst ist, wird diese Leere von den meisten Menschen als ungemütlich und kalt empfunden. Allerdings erlangt der Minimalismus als Gegenbewegung zum Materialismus seit einiger Zeit auch im Westen zunehmend an Bedeutung.

Minimalismus versus Materialismus

Viele Menschen treffen heute die bewusste Entscheidung dafür, die Werte des Zen-Buddhismus auf ihr Alltagsleben zu übertragen. Dabei geht es Minimalisten in der westlichen Welt keineswegs darum, die Wohnung komplett zu leeren und nur mit einem Bett, einer Dusche, Kochplatte und einem Kühlschrank zu leben. Vielmehr ist ein minimalistischer Lebensstil dadurch gekennzeichnet, sich gezielt gegen den übertriebenen Konsum zu stellen. Dabei treten materielle Werte in den Hintergrund und schaffen Platz für Dinge und Lebensaspekte, die tatsächlich wertvoll sind.

Als Gegenbewegung zum Materialismus soll es beim Minimalismus vor allem darum gehen, sich nach und nach von überflüssigem Ballast zu trennen. Gleichzeitig werden Neuanschaffungen gut überlegt, um sicherzustellen, dass der Alltag nur durch wirklich benötigte Dinge bereichert und nicht mit oberflächlichen und für ein gesundes Seelenleben irrelevanten Statussymbolen belastet wird.

Minimalistisch wohnen – Freiheit in den eigenen vier Wänden

Sich von überflüssigen Dingen zu trennen, um sich auf die wirklich wertvollen Gegenstände zu besinnen, ist eine große Herausforderung. Das Weglassen von Überflüssigem ist ein dynamischer Prozess, der über einen längeren Zeitraum andauert und langsam den Weg zu einem selbstbestimmten, von Alltagszwängen befreiten Leben ebnet. Der erste wichtige Schritt ist die Erkenntnis, dass Besitz per se nicht glücklich machen kann.

Die erfolgreiche japanische Schriftstellerin und Lebensberaterin Mari Kondo hat in ihrem Bestseller „Magic Cleaning“ eine effektive Methode beschrieben, die vielen Menschen als Anleitung zu einem minimalistischen Lebensstil dient. Der sogenannten Konmari-Methode liegt die bewusst gestellte Frage: „welche Dinge brauche ich wirklich und welche sind für mein Glück überflüssig“ zugrunde.

Mari Kondos Weg zu einem minimalistischen Leben bedeutet planvolles Entrümpeln der Besitztümer nach Kategorie. Dabei geht es darum, jeden einzelnen Gegenstand genau unter die Lupe zu nehmen – in Hinblick auf seinen Nutzen ebenso wie auf seinen emotionalen Wert. Wird er nicht gebraucht oder weckt er keine schönen Erinnerungen, sollte sich der Besitzer davon trennen. Dieser Prozess erlaubt eine aktive und für viele Menschen ungewohnt intensive Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen, Emotionen und dem individuellen Stilempfinden. Nur Dinge, die wirklich Freude bereiten, bleiben. Alle Gegenstände und Möbel, die die direkte Umgebung unnötig füllen oder die Wohnatmosphäre erdrücken, werden verschenkt, verkauft oder entsorgt. Dabei entstehen in den eigenen vier Wänden nach und nach klar strukturierte Räume, in denen geliebte oder wichtige Besitztümer ihren festen Platz finden und liebevoll in Szene gesetzt werden können. Vereinfacht ausgedrückt: Durch den Minimalismus kommt der wahre Wert von Dingen jeder Art zum Vorschein.

Reduzierter Konsum statt unnötiger Anschaffungen

Minimalisten trennen sich nicht nur von unnötigem Ballast, sondern auch von der in der westlichen Welt weitverbreiteten Gewohnheit, immer größere, teurere oder wertvollere Dinge anzuhäufen, um den Hunger nach einem erfüllten Dasein zu stillen. Minimalitisch zu leben bedeutet, den eigenen Konsum drastisch und konsequent zu reduzieren. Dies setzt wiederum eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Stilvorlieben und dadurch mit dem eigenen Ich voraus. In diesem Zusammenhang leistet der Minimalismus einen wesentlichen Beitrag zur eigenen Identitätsfindung.

Für diesen Lebensstil ebenso bedeutsam ist die Erkenntnis, dass die Werbung falsche Werte suggeriert. Wer sich von der Werbeindustrie nicht mehr beeinflussen und zu unnötigen Käufen verführen lässt, kann sich auf die Anschaffung wirklich benötigter oder bedeutsamer Dinge konzentrieren. Gefühle der Unsicherheit machen dadurch allmählich einem gestärkten Selbstbewusstsein Platz. Gleichzeitig können die laufenden Ausgaben reduziert werden, was eine bessere finanzielle Situation mit sich bringt. Dennoch sind Minimalisten keineswegs geizig oder übertrieben sparsam, sondern lenken als Konsumenten den Fokus auf Güter, die aus subjektiver Sicht wertvoll sind.

Der Wert eines Gegenstandes, Kleidungsstücks oder Möbels kann zum Beispiel durch die Verarbeitung naturbelassener Materialien, die Fertigung in traditioneller Handarbeit, ethische Produktionsprozesse oder ein reduziertes und zeitloses Design gekennzeichnet sein. Diese Einstellung fördert nicht nur ein ausgeglichenes Seelenleben nach individuellen Gesichtspunkten, sondern auch einen respektvollen Umgang mit Ressourcen.

Minimalismus bedeutet für viele Anhänger dieser Lebensphilosophie, aus persönlicher Überzeugung auf bestimmte Güter wie Kosmetikartikel mit Silikonen und anderen schädlichen Inhaltsstoffen, Getränke in Plastikflaschen, industriell gefertigte Lebensmittel oder manche Verpackungsmaterialien bewusst zu verzichten. In diesem Zusammenhang leistet ein minimalistisch lebender Mensch auch einen wertvollen Beitrag zum Erhalt und Schutz der Umwelt.

Minimalistisch handeln – Zeit für heilsame Momente schaffen

Wer seine Wohnung und seinen Lebensalltag von unnötigen Dingen und sich selbst von dem Bedürfnis nach Statussymbolen befreit, wird automatisch offen für Aspekte, die wirklich glücklich machen. Der persönliche Umgang mit geliebten Menschen, kreative Tätigkeiten oder der bewusste Genuss unberührter Naturlandschaften im Rahmen von ausgedehnten Freizeitunternehmungen treten dadurch immer mehr in den Vordergrund und werden gezielt verfolgt.

Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass enge Kontakte mit Bezugspersonen, den persönlichen Interessen entsprechende körperliche und intellektuelle Beschäftigungen sowie Aufenthalte in der Natur die psychische und physische Gesundheit auf vielen Ebenen positiv beeinflussen. Ob gestärktes Immunsystem, Gewichtsverlust durch mehr Bewegung, ein verbessertes Hautbild durch gesündere Ernährung oder effektiver Stressabbau durch Entspannung in der Natur – die positiven Auswirkungen sind vielfältig. Ein minimalistischer Lebensstil kann dadurch gerade in Lebenskrisen, nach einer gescheiterten Beziehung oder nach langer Krankheit besonders heilsam sein.

Minimalismus reduziert das Chaos im Leben, das schon Plato als größtes Hindernis auf dem Weg zu persönlichem Glück und seelischer Ausgeglichenheit bezeichnete. Daher kann dieser den Geist reinigende Lebensstil auch für Menschen mit Depressionen einen nachhaltigen Weg aus einer solchen Krankheit bedeuten oder den Erfolg einer psychotherapeutischen Behandlung unterstützen.

Kleine Änderungen mit großer Wirkung

Wie jede Lebensphilosophie ist auch der Minimalismus eine Frage der subjektiven Wahrnehmung und kann in unzähligen Ausprägungen im Alltag umgesetzt werden. Ob puristisch eingerichtete Wohnung, ein ausgemisteter Kleiderschrank und aufgeräumter Arbeitsplatz, ein Alltagsleben ohne Fernseher, der bewusste Verzicht auf wahlloses Surfen im Internet – jeder Mensch kann Minimalismus auf eine ganz persönliche Weise interpretieren.

Leidenschaftlichen Minimalisten sind jedoch einige Verhaltensweisen gemeinsam. Sie treffen in jeder Lebenssituation klar überlegte Entscheidungen. Sie haben die Fähigkeit erlernt, ein bewusstes „Nein“ formulieren zu können und überflüssige, zeitraubende Termine abzusagen. Tägliches Meditieren ist unter Minimalisten weit verbreitet, da es das fokussierte Denken und Fühlen stärkt und eine Rückbesinnung auf Wesentliches fördert.

Minimalisten empfinden zudem Prestigedenken, sinnentleerte Freizeitbeschäftigungen und Reizüberflutung generell als hinderlich und das Fehlen von Besitz in ihrem direkten Umfeld als befreiend. Verzicht bedeutet für sie Vorteil, Chance und Glück, Leere wird zum Charakteristikum eines erfüllten Lebens – abhängig von den individuellen Bedürfnissen, dabei unabhängig von Trends und gesellschaftlichen Entwicklungen.

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